Powerakkorde
Akkorde in dieser Gruppe: 3
Ein Powerakkord ist streng genommen kein Akkord: es sind zwei Töne, Grundton und reine Quinte, geschrieben C5. Es gibt keine Terz, also ist er weder Dur noch Moll — und diese Neutralität hat zusammen mit der Art, wie eine Quinte Verzerrung überlebt, den Klang der Rockgitarre gebaut.
Warum die Quinte und sonst nichts
Die reine Quinte ist das einfachste Verhältnis nach der Oktave. Zwei solche Töne verschmelzen fast ohne Schwebung und bleiben sauber, wie stark das Signal auch übersteuert wird.
Mit einer Terz geschieht das nicht. Verzerrung erzeugt Differenztöne — Frequenzen, die im Signal nicht enthalten waren — und bei einer Quinte verstärken sie das bereits Klingende. Bei einem vollen Dreiklang streuen sie, und der Akkord wird an jedem Verstärker matschig.
Die drei Formen
Das zweitönige C5 ist x35xxx: Grundton auf der fünften Saite, Quinte auf der vierten. Mit der Oktave darüber ergibt sich x355xx, das deutlich größer klingt und keine einzige zusätzliche Information trägt — genau darin besteht sein Zweck.
Die dritte Form kehrt das Intervall um: Grundton und Quarte statt Grundton und Quinte, x33xxx. Sie klingt dünner und gespannter, und man greift zu ihr genau wegen dieses Unterschieds.
Warum so schnell gespielt wird
Ein Finger, manchmal zwei, über zwei Saiten im selben Bund. Die Hand springt zwischen Akkorden schneller, als sie es mit Barrégriffen je könnte, und diese Geschwindigkeit hat die riffbasierte Gitarre überhaupt erst möglich gemacht.
Die Form ändert sich außerdem nie. Verschieben genügt für einen neuen Akkord, ohne dass man Vorzeichen kennen müsste — deshalb ist sie meist das Erste, was Anfänger nach Einzeltönen lernen.
Das Tongeschlecht entscheidet ein anderer
Da die Terz fehlt, legt sich C5 weder auf Dur noch auf Moll fest. Das entscheiden Gesang, Bass oder die Nachbarakkorde, und die Gitarre bleibt darunter neutral.
Der praktische Nutzen ist unmittelbar: ein Riff bedient die Dur- und die Mollfassung eines Stücks. Die Melodie ändert sich, die Gitarrenstimme bewegt sich nicht.
Am Klavier und am Bass
Pianisten greifen zu denselben zwei Tönen, wenn die linke Hand Gewicht ohne Trübung braucht. In tiefer Lage wird ein voller Dreiklang aus akustischen und nicht aus elektronischen Gründen matschig: die Abstände zwischen den Teiltönen zweier tiefer Töne fallen in die Frequenzgruppe des Gehörs. Eine nackte Quinte bleibt dort klar, die Terz nicht.
Für Bassisten ist es eher eine Entscheidung über die Oktave: Grundton und Quinte, oder Grundton, Quinte und Oktave als Doppelgriff. Dieselben zwei Töne und derselbe Grund, sie zu wählen.
Nicht nur für Verzerrung
Saubere Quinten sind ein weit älterer Klang als der Verstärker. Ein Dudelsack, eine Drehleier und fast jedes Volksinstrument mit Bordun halten genau dieses Intervall, und das Ohr nimmt es als natürlichen Untergrund einer Melodie an.
Geschichtete Quinten leisten dasselbe in der Orchestersatztechnik: offen, weit, ohne ein Tongeschlecht zu nennen. Die Quartakkorde dieses Katalogs behandeln diesen Gebrauch ausführlicher.
Häufige Fragen
Was sind Power Chords?
Grundton und reine Quinte, geschrieben C5. Auf der Gitarre x35xxx, mit Oktave x355xx.
Ist ein Powerakkord Dur oder Moll?
Weder noch: ihm fehlt die Terz, das Tongeschlecht bestimmen Melodie oder Bass.
Warum spielt man mit Verzerrung keine vollen Akkorde?
Verzerrung erzeugt Differenztöne. Bei der Quinte verstärken sie den Klang, bei der Terz streuen sie, und der Dreiklang wird matschig.